Fibromyalgie – eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Was Symptome lindert und eine Chronifizierung abwendet

Fibromyalgie Krankheit: Frau hält sich im Bett sitzend die schmerzende Wade

Spoiler

  • Fibromyalgie ist eine anerkannte, chronische Schmerzerkrankung, an der überwiegend Frauen leiden.
  • Da die Symptome diffus und extrem vielfältig sind, stossen Betroffene noch immer auf Unverständnis in ihrem sozialen Umfeld.
  • Menschen mit Fibromyalgie kämpfen somit nicht nur gegen den Schmerz, sondern auch gegen das Stigma einer «eingebildeten Krankheit».

Das Gefühl von Muskelkater nach einer Überdosis Sport kennen wir alle. Auch ziehende Gliederschmerzen bei einer Grippe. Für Menschen, die an einer Fibromyalgie leiden, ist ein diffuser, langanhaltender Muskel- und Gelenkschmerz, der in verschiedenen Körperregionen auftritt, allgegenwärtig. «In der Schweiz sind ein bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen, Frauen zwei- bis dreimal so häufig wie Männer. Fibromyalgie ist eine Krankheit, die gehäuft zwischen 40 und 50 Jahren auftritt, aber in jedem Alter möglich ist», erklärt Dr. Iking-Konert.

Fibromyalgie – gibt es die Krankheit überhaupt?

Ganz klar, ja. Fibromyalgie ist als Krankheit anerkannt, und das bereits seit über 30 Jahren. «Ihr Leitsymptom ist der Schmerz. Und die Liste der begleitenden Symptome ist sehr lang: Das können Müdigkeit (Fatigue) sein, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit oder Ängstlichkeit, Gereiztheit, Schwindel, ein trockener Mund, kalte, blasse Finger oder Schlafstörungen», beschreibt der Experte. Die Schmerzen variieren in Intensität und Dauer. Oft sind sogenannte «Tender Points» an bestimmten Körperstellen besonders schmerzhaft. Seit Prominente wie Lady Gaga, Cher oder Morgan Freeman öffentlich über ihre Fibromyalgie sprechen, wird der Krankheit mit mehr Sensibilität begegnet. Für Betroffene ist der Alltag eine Herausforderung. «Sie wissen nie, wie der Tag wird. Das bringt Unsicherheit und Schuldgefühle mit sich und schränkt die Lebensqualität stark ein», beschreibt Dr. Iking-Konert.

Vom Schmerz zur Diagnose

Da die Fibromyalgie eine Krankheit ist, die sich in Form von über 100 Symptomen zeigt, ist die Diagnosestellung oft verzögert oder schwierig. Um sie zu erleichtern, empfiehlt Dr. Iking-Konert Betroffenen, ein Schmerztagebuch zu führen. «Darin sollte notiert werden, wie, wo und wann der Schmerz auftritt, was ihn positiv oder negativ beeinflusst. Welcher Sport guttut. Wodurch man besser schläft. Das Tagebuch hilft, den Schmerz besser zu verstehen und Therapien in deren Wirksamkeit besser zu beurteilen.» Das Schmerztagebuch sollte laut Rheumaliga erstmals nur über einen beschränkten Zeitraum geführt werden, um nicht langfristig noch mehr Aufmerksamkeit auf den Schmerz zu lenken. Von zu viel Diagnostik hält auch der Rheumatologe nichts. «Wenn aufgrund der Anamnese der Befund schon deutlich wird, rate ich, mit Röntgen, MRT und CT eher sparsam umzugehen. Je mehr Diagnostik, desto stärker provoziert man eine Chronifizierung.» Wer Fibromyalgie bei sich selbst vermutet, spricht am besten zunächst mit seiner Hausärztin oder sucht einen Rheumatologen oder Schmerztherapeuten auf.

Fehlinterpretation von Reizen?

Die genaue Ursache von Fibromyalgie ist bis heute nicht vollständig geklärt. Forscher vermuten einen Zusammenhang zwischen genetischen, immunologischen, neurologischen und umweltbedingten Faktoren. Akute Infekte, traumatische Erlebnisse und Stress können dabei den Ausbruch der Krankheit begünstigen.

Zudem wird angenommen, dass bei Fibromyalgie-Patientinnen die Nerven in Gehirn und Rückenmark Schmerzreize falsch verarbeiten. So können etwa alltägliche Reize wie Druck oder Spannung als starker Schmerz ausgelegt werden.

Drei von vier Betroffenen leiden auch an einer Depression

Da so viele Menschen mit Fibromyalgie auch an einer Depression oder einer Angststörung leiden, wird die Krankheit oft als psychische Störung abgetan. Experten gehen jedoch davon aus, dass Angst oder Niedergeschlagenheit begleitend auftreten. «Persönlich denke ich, dass erst der Schmerz der Fibromyalgie da ist und dann die Depression, welche sich durch die Symptome und die Folgen der Erkrankung verstärkt», meint Dr. Iking-Konert. Laut Rheumaliga Schweiz leiden zirka drei von vier Betroffenen an einer schlummernden oder ausgeprägten Depression. Andere typische Begleiterkrankungen der Fibromyalgie sind Migräne, Reizdarm oder das Restless-Legs-Syndrom.

Therapie der Fibromyalgie: Die Krankheit soll idealerweise nicht chronisch werden

Obwohl es keine Heilung für Fibromyalgie gibt, stehen verschiedene Therapien zur Verfügung, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Ziel ist neben dem Lindern der Symptome auch das Aufhalten einer weiteren Chronifizierung. Eine multidisziplinäre Herangehensweise, die körperliche Aktivität, Entspannungstechniken und Medikamente kombiniert, kann helfen, die Schmerzen zu mildern. Physio- und Ergotherapie stärken die Muskulatur und erhalten die Beweglichkeit und körperliche Aktivität.

«Medikamentös kommen Schmerzmittel, Antidepressiva und Antiepileptika zur Anwendung», sagt der Facharzt. Er betont, dass Schmerzmittel nicht länger als 14 Tage und nur zum Überbrücken einer akuten Schmerzphase gedacht sind. «Würden sie länger eingenommen, könnte das die Schmerzen sogar verstärken.»

DIY – was Betroffene selbst tun können

Durch Lifestyle-Entscheidungen rund um Sport und Ernährung sowie durch ausreichenden Schlaf können Betroffene von Fibromyalgie ihre Krankheit positiv beeinflussen. «Bewegung, die Spass macht, und ein guter Freund zum Reden, dann eine gesunde Ernährung und hin und wieder ruhig mal ein Schmankerl wie Wein oder Schokolade», fasst der Rheumatologe seine Empfehlungen zusammen. Obwohl es keine etablierte Diät bei Schmerzen gibt, ist es ohne Frage sinnvoll, seine Ernährungsgewohnheiten zu hinterfragen und auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung umzustellen. Die Rheumaliga Schweiz hat eine Broschüre über eine entzündungshemmende Ernährung herausgegeben, in denen Betroffene zahlreiche Tipps finden.

Alternative Therapien? Probiere sie aus!

Es gibt Studien, die belegen, dass Bewegung vor allem in der Natur wie das sogenannte Waldbaden schmerzlindernd wirkt. Doch auch für andere regelmässige, körperliche Aktivitäten liegen Ergebisse über ihre schmerzreduzierende Wirkung vor. «Wenn ich gefragt werde, welche Sportart bei Fibromyalgie die beste sei, sage ich, die, die Spass macht, denn nur dann bleibt man auch dabei», so Dr. Iking-Konert. «Lieber zehn Minuten jeden Tag als nur einmal pro Woche eine Stunde.» Was alternative Therapien angeht, so rät der Experte, sie einfach mal auszuprobieren und zu dokumentieren, ob sie helfen. «Cannabis ist für viele großartig und für ebenso viele enttäuschend. Im Trend ist gerade das Eisbaden. Wer nicht herzkrank ist, kann das ausprobieren. Wer das einmal über den Winter schafft, hat angeblich sehr gute Erfolge bei chronischen Schmerzen.»

Angebote und Informationen für Betroffene

    • Broschüre «Fibromyalgie. Leben mit einer chronischen Schmerzerkrankung» von der Rheumaliga Schweiz. Zum Bestellen oder zum Herunterladen als PDF.

    • Blogbeitrag zum Schmerztagebuch: Hier kannst du dir ein Schmerztagebuch direkt als PDF herunterladen.

    • Broschüre «Genuss mit Wirkung. Ernährung bei entzündlichem Rheuma» der Rheumaliga Schweiz. Zum Bestellen oder Herunterladen als PDF.

    • Ein aktuell erstellter Praxisleitfaden «Fibromyalgie» der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin. Er kann Betroffenen helfen, sich auf den Arztbesuch vorzubereiten.

Facebook
Email
Twitter
LinkedIn