Phänomen People Pleasing

Zwischen Anpassung und Selbstachtung

Dr. Bossmann, was versteht man genau unter einem People Pleaser?

Vereinfacht ausgedrückt, sind das Menschen, die anderen unbedingt gefallen und ihnen vor allem nicht missfallen wollen. Das heisst, dass sie ihr Umfeld sehr genau beobachten und sich entsprechend geben.

Das erinnert ein wenig an ein Chamäleon.

Ja, ähnlich wie bei diesem Reptil kann das Bedürfnis nach Tarnung und Anpassung sehr stark ausgeprägt sein. People Pleaser zeigen nur Seiten von sich, von denen sie auch glauben, dass sie gesehen werden möchten. Oft missverstanden wird jedoch, dass es sich um sehr liebenswerte, hilfsbereite, empathische und sensible Menschen handelt. Leider leben sie diese Eigenschaften aber in einem so extremen Ausmass aus, dass es ihnen selbst schadet.

Gibt es noch weitere solcher Missverständnisse?

Auf jeden Fall. Es kommen mir hier gerade drei in den Sinn.

Missverständnis Eins: Vorsicht mit Aussagen wie: «Ich bin ein People-Pleaser». People Pleasing ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein erlerntes Verhaltensmuster. Und was man erlernt, kann man auch wieder verlernen.

Missverständnis Zwei: Das Gegenteil von People Pleasing ist nicht Egoismus. Man muss hier nicht von einem Extrem ins andere springen. Wer sich bemüht, dieses Verhaltensmuster aktiv abzulegen, strebt danach, die eigenen Wünsche ebenso zu erkennen und zu respektieren wie die des Gegenübers, ohne sich selbst dabei zu vernachlässigen – und das hat rein gar nichts mit Egoismus zu tun, sondern ist eine gesunde Balance.

Missverständnis Drei: Viele denken heute immer noch, dass People Pleasing ausschliesslich Frauen betrifft. Das stimmt aber nicht. Männer sind genauso davon betroffen – sowohl im Job als auch im Privaten.

Dennoch haben Frauen aber öfter mit People Pleasing zu kämpfen.

Das hat viel mit der Geschlechtersozialisation zu tun. Historisch gesehen mussten sich Frauen schon immer anpassen – das wird bis heute noch von ihnen erwartet. Schon im Sandkasten bekommen Mädchen Sätze zu hören wie: «Sei lieb und teil dein Spielzeug!» oder «Umarme jetzt die Oma, sonst ist sie traurig!» Im Gegensatz dazu wird bei Jungen viel eher akzeptiert, wenn sie Wut äussern, Grenzen setzen oder eine eigene Meinung haben. Mädchen sollten sich hingegen anpassen, um zu gefallen – und das hat natürlich Auswirkungen auf die erwachsene Frau von heute. Das Spiel läuft in etwas so ab: Eine Frau wird von der Gesellschaft dafür belohnt, wenn sie dem Ideal des People Pleasings entspricht, jedoch bestraft, wenn sie davon abweicht. Tritt eine Frau also selbstsicher auf oder ist sie durchsetzungsstark, dann benutzt die Gesellschaft Adjektive wie kalt, unnahbar oder zickig. Das erschwert es Frauen per se, aus der Rolle des People Pleasers auszubrechen.

Und wie verbreitet ist Ihrer Meinung nach das People Pleasing heute?

Sehr weit verbreitet. Eine Umfrage in den USA mit 1‘000 Teilnehmenden hat zum Beispiel gezeigt, dass sich fast die Hälfte der Menschen (49 Prozent) als People Pleaser bezeichnen. Das überrascht auch nicht, weil wir in einer Bewertungsgesellschaft leben, die sich immer schneller dreht. Alles und jeder wird ständig beurteilt und beobachtet – sei es durch Social Media mit Likes und Kommentaren oder im Job, wo die Präsentation am besten schon gestern fertig sein sollte. Dieser ständige Druck führt dazu, dass wir uns selbst oft vernachlässigen, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Kein Wunder richten sich unsere Antennen dann nach aussen, statt nach innen.

Aber warum verspüren manche Menschen den Drang zum People Pleasing und andere nicht? Wo liegt hier die Ursache?

Die Erfahrungen unserer Kindheit und Jugend können darüber entscheiden, ob jemand die Attribute eines People Pleasers entwickelt oder nicht. Wenn jemand beispielsweise in der Schule gemobbt wurde, entsteht frühzeitig das Gefühl, dass man «falsch» ist. Und wenn das Ich-Selbstsein abgestraft wird, fühlen wir uns fehl am Platz, entfremdet und die Angst vor Ablehnung kommt auf. Etwas sehr Anstrengendes, denn wir sind schlussendlich immer noch Menschen und haben das Bedürfnis nach Bindung. Unsere Antennen werden dann besonders empfindlich, und wir fangen an, uns Fragen zu stellen wie: «Wie wollen mich die anderen haben? Was kann ich tun, um nicht ausgegrenzt zu werden? Was muss ich tun, um nicht negativ aufzufallen?» In diesem Prozess kann es passieren, dass Menschen ihr eigenes Selbst für andere aufopfern. Eine weitere mögliche Ursache liegt darin, dass man als Kind schon viel Verantwortung übernehmen musste, beispielsweise für die Eltern. Ein junger Junge könnte zu hören bekommen haben: «Du bist jetzt der Mann im Haus», nachdem die Eltern sich haben scheiden lassen und ein Elternteil emotionalen Beistand braucht, oder ein Mädchen realisieren, dass sie durch ihre Liebenswürdigkeit und Fröhlichkeit einen Konflikt zwischen den Eltern abmildern kann. Auf diese Weise lernt man schon früh, geschickt zwischen den Zeilen zu lesen und Verantwortung für die Stimmung im Haus und für andere zu übernehmen.

People Pleasing ist auf längere Zeit ein ernstes Problem. Könnten Sie das näher erläutern?

Wer sich permanent selbst vernachlässigt und hintenanstellt, ist irgendwann erschöpft und gestresst. Das kann viele Folgeerkrankungen mit sich bringen: von Burnout bis hin zu Herz-Kreis-Erkrankungen. People Pleasing beeinflusst zudem die persönlichen Beziehungen stark, sei es im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz. Personen, die ständig Konflikten ausweichen, das Gefühl haben, dass ihre Meinung nicht zählt und Schwierigkeiten haben, sich auszudrücken, neigen dazu, ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. So schafft man im Grunde aktiv Situationen, in denen man sich nicht respektiert fühlt. Dieses Gefühl des Übersehenwerdens und Unterdrückens ist äusserst schädlich für das Selbstwertgefühl und die persönliche Zufriedenheit.

Da müsste man eigentlich lernen, die eigene Angst im Umgang mit Konflikten abzulegen.

Man muss die Angst nicht zuerst ablegen, um etwas anders zu machen. Man muss etwas anders machen, um die Angst abzulegen. Es ist nämlich völlig in Ordnung, etwas ängstlich zu machen. Dabei ist es hilfreich, nicht sofort den schwersten Konflikt anzugehen, sondern leichtere Situationen zu wählen, um sich zu erlauben, etwas anzusprechen. Vielleicht beharre ich nicht auf meine Meinung, aber äußere sie in einer Diskussion statt sie wie sonst immer zurückzuhalten. Ein Konflikt ist an sich nämlich nichts Schlimmes. Eigentlich sind es nur zwei Menschen mit zwei Bedürfnissen, die nicht so einfach zusammenkommen. Daran ist nichts problematisch. Beim Üben ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht darum geht, den kleinen Konflikt zu gewinnen, sondern darum, sichtbarer zu werden – sowohl für sich selbst als auch für andere. Durch solche korrigierenden Erfahrungen lernt man, dass man gesehen und gehört wird. So kann man sich weiterentwickeln.

Welche Perspektivenänderungen sind dafür erforderlich?

Etwas, was sehr hilfreich sein kann, ist, sich folgende Frage zu stellen: «Was kostet es mich, wenn ich so weitermache wie bisher?» Ich sage meinen Klientinnen und Klienten dann gerne, dass sie eine Woche lang alle Momente aufschreiben sollen, in denen sie in das Verhalten des People Pleasings gefallen sind. Da kommt man nämlich schnell an einen Punkt, an dem man realisiert: «Okay, so möchte ich eigentlich nicht weitermachen.» Und das aktiv zu fühlen ist ein Knackpunkt, der einen ein Stück näher an die gewünschte Veränderung bringt.  

Geht dann das «Nein» sagen auch leichter?

Das erfordert einiges an Übung und Selbstreflexion. Besonders hilfreich ist es, den Nachgang von Situationen anzuschauen. Sich selbst beispielsweise zu fragen: «Wenn ich mich jetzt getraut hätte, wie hätte ich das abgelehnt?» Die Sätze für sich laut auszusprechen, ist ein gutes Training fürs Gehirn. Es ist wie beim Schwimmen – da muss man die Bewegung ja auch mehrmals ausführen, um zu spüren, wie es richtig geht. Durch dieses Üben kann man sich besser auf konkrete Situationen vorbereiten und erkennen, wann man vielleicht vorschnell «Ja» sagt, obwohl man eigentlich «Nein» meint. Mit der Zeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man in solchen Momenten die richtigen Worte abrufen kann. Und ähnlich wie bei den Konflikten zuvor: Das Wort «Nein» ist nichts Schlimmes. Man kann freundlich und klar seine Grenzen ziehen. Und wer damit immer noch Probleme hat, kann sich einfach Zeit verschaffen. Sätze wie: «Frag mich gerne morgen nochmal» oder «Ich muss noch schauen, dann geb ich dir Bescheid», sorgen für die nötige Distanz. So kann man sich dann innerlich besser vorbereiten und hat etwas mehr Zeit zum Überlegen.  

Vielen Dank für das Gespräch!
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