Plötzlich verschwimmen beim Lesen die Buchstaben; und was vom Auge fokussiert wird, erscheint als grauer Fleck. Oder man spürt auf der Brille einen Schleier, der sich beim Putzen nicht entfernen lässt. Solche Anzeichen können auf die Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) hinweisen. Die Risiken dieser Augenkrankheit dürfen vor allem Personen über 60 auf keinen Fall unterschätzen, erklärt Prof. Dr. med. Heinrich Gerding, Chefarzt Augenheilkunde an der Pallas Klinik in Olten: «Es gibt Verlaufsformen, die man sehr schnell behandeln sollte.»
Sehstärke kann drastisch abfallen
Schwere Folgen kann die «feuchte Form» haben, unter der rund 15 Prozent der AMD-Patientinnen und -Patienten leiden. Bei dieser Krankheit habe man nicht viel Zeit, sagt Dr. Gerding: «Je früher bei der feuchten Form der AMD die Therapie greift, desto besser ist das Ergebnis.» Die Krankheit verlaufe sehr rapide, ja geradezu galoppierend: «Wenn die feuchte Form nicht behandelt wird, fällt die Sehstärke drastisch ab – in einem oder zwei Jahren auf weniger als ein Drittel oder sogar einen Viertel der ursprünglichen Sehschärfe. Und der grösste Anteil der verlorenen Sehstärke kommt nie wieder zurück.»
Behandelt wird die feuchte Form der AMD mit einem Wirkstoff, der ins Augeninnere gespritzt wird. «Der Patient erhält Tropfen gegen die Schmerzen und spürt kaum die Injektion. Die meisten berichten von einem unangenehmen, aber nicht schmerzhaften Gefühl und erklären nach der Behandlung, sie hätten sich das viel schlimmer vorgestellt», berichtet Dr. Gerding. Die Mikroinjektionen werden mit einer sehr feinen und dünnen Nadel durchgeführt.
Deutliche Sehverbesserung wahrscheinlich
Die Erfolgsrate der Therapie ist relativ hoch, wie der Facharzt FMH für Ophthalmologie (Augenheilkunde) und Spezialist für Augenchirurgie berichtet. «Bei einer grossen Mehrheit der Patienten erreichen wir in den ersten Monaten eine deutliche Sehverbesserung.» Mit der Therapie könne das Sehen auf lange Sicht bewahrt und stabilisiert werden; in der Regel seien aber Kontrollen und Therapien über mehrere Jahre nötig. «Untersuchungen der Pallas Kliniken zeigen, dass die Hälfte unserer Patienten die Injektionen auch nach acht Jahren Betreuung noch brauchen.»
Über die Ursachen der AMD ist die Fachwelt ziemlich genau im Bild. Die Krankheit betrifft die Makula, die Mitte der Netzhaut. Durch den regen Stoffwechsel in der Netzhaut bilden sich im Laufe der Zeit «Abfallprodukte», welche die Lebensbedingungen der Zellen verschlechtern. Die deswegen sich neu ausbildenden Gefässe neigen zur Blutung und zur Freisetzung von Flüssigkeit ins Gewebe im Bereich der Makula – daher der Name «feuchte Form».
Wesentlich häufiger, nämlich bei rund 85 Prozent der AMD-Patienten, tritt die trockene Form der AMD auf. Sie hat ihre Ursache im Absterben von Zellen in der Netzhaut. «Die trockene Form verläuft sehr langsam und kann nicht behandelt werden. Helfen können Spezialbrillen oder andere Sehhilfen wie Bildschirmlesegeräte», sagt Dr. Gerding.
Rauchen erhöht das Risiko
Die grösste Gefahr, an der AMD zu erkranken, gehen Raucherinnen und Raucher ein. «Der Nikotingenuss erhöht das Risiko um ein Vielfaches», erklärt Dr. Gerding. Als Prophylaxe empfiehlt er zudem eine gute Sonnenbrille und regelmässige Augenkontrollen nach dem 40. Lebensjahr.
Immer wieder geistern Geschichten herum, AMD könne mit gewissen Vitaminkombinationen verhindert werden. «Davor muss man warnen», stellt Dr. Gerding klar. Aus klinischen Tests sei hervorgegangen, dass Vitamine sogar schädlich sein könnten. Dr. Gerding rät seinen Patienten auch dezidiert von Heidelbeerextrakten zur Prophylaxe ab.
Hingegen kommen in den nächsten Jahren neue, vielversprechende Wirkstoffe gegen die AMD auf den Markt. Wie Dr. Gerding ankündigt, arbeitet die Industrie an der Entwicklung von Augentropfen, mit denen man die Wirkstoffe einbringen kann. So müssten weniger oder gar keine Spritzen mehr verabreicht werden. «Medikamente mit einer längeren Wirkungszeit sind ebenfalls in der Entwicklung.» Bis zur Marktreife dürfte es nicht mehr allzu lange dauern: «Einige dieser Wirkstoffe stehen kurz vor der Zulassung.»
Zusammenfassend hält der Spezialist fest, dass man sich vor der AMD nicht fürchten muss. Die Gefahr, deswegen zu erblinden, besteht nicht: Die Raumorientierung bleibt in jedem Fall erhalten. «Wenn man aber die Krankheit nicht behandelt, führt das zu sehr starken Beeinträchtigungen des Sehens. Die Sehschärfe fällt so stark ab, dass man nicht mehr lesen kann und grosse Schwierigkeiten hat, sich zu orientieren.»